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Berufliche Orientierungswoche an der Werner-von-Siemens-Schule

Wohin nach der Schule?

Für viele Schüler*innen ist die Frage „Was willst du nach der Schule machen?“ schwer zu beantworten. Lieber eine Berufsausbildung starten oder besser weiter zur Schule gehen? Kann eine Woche der beruflichen Orientierung bei der Antwort helfen?

Baggerfahren ausprobieren war ein Angebot neben vielen anderen.
Baggerfahren ausprobieren war ein Angebot neben vielen anderen. (Foto: Stefan Bauer)

Über 30 Betriebe, Organisationen und Einzelpersonen kamen Ende Oktober an die Werner-von-Siemens-Schule (W-v-S) und boten während der Orientierungs­woche einen Einblick in berufliche Lebenswelten. Ausbildungsbetriebe und Firmen aus dem Handwerk, Einzelhandel oder dem Dienstleistungssektor stellten sich auf ganz unterschiedliche Weise vor. So konnten die Schüler*innen auf dem Schulhof Baggerfahren ausprobieren, Fahrradmechaniker*innen über die Schulter schauen oder sich über die Ausbildungsmöglichkeiten bei einem großen Discounter informieren. „Für uns ist die Berufsorientierung ein zentrales Thema, auch weil wir wissen, dass die elterliche Unterstützung nicht immer so ist, wie es die Jugendlichen brauchen würden. Wenn wir uns nicht für die Schüler*innen einsetzen, wer verbindet sie sonst mit der Berufswelt?“, wies die Lehrerin Kerstin Ueberle, die zum Organisationsteam der Schule für diese Orientierungswoche gehört, auf die Bedeutung hin.

Neben der konkreten Vorstellung von Berufen ging es auch um Bewerbung und Bewerbungstraining. Die Ausbilder*innen von den Firmen simulierten mit Jugendlichen ein ­Bewerbungsgespräch und gaben hilfreiche Tipps für die Gestaltung der Bewerbung. Auch Fragen rund um Finanzen und Versicherungen spielten eine wichtige Rolle. Marcel Pavlovic, ein ehemaliger Schüler der W-v-S, brachte den Werkrealschüler*innen der 8. bis 10. Klasse einfache Basics nahe. Er erklärte den Unterschied zwischen einem Brutto- und Nettogehalt, die Bedeutung der Sozialversicherung und wies auf private Versicherungs- und Vorsorgemöglichkeiten hin. Auf seine Motivation angesprochen, warum er an die Schule zurückgekehrt sei, antwortete Marcel: „Ich hätte mir in meiner Schulzeit gewünscht, mehr zu diesen Themen zu erfahren. Als ich meine Ausbildung begonnen habe, fühlte ich mich dabei recht hilflos. Ich möchte die zukünftigen Auszubildenden dafür sensibilisieren.“ Das schaffte er nicht bei allen, aber je älter die Schüler*innen sind, desto eher hören sie auf den inzwischen 28-jährigen ehemaligen Schüler. In der 8. Klasse sind die Schüler*innen zum ersten Mal in die Orientierungswoche eingebunden. Bis zur 10. Klasse durchlaufen sie das Projekt dreimal.

Höhepunkt für viele war der Outdoortag. An einem Wochentag waren die Jugendlichen von verschiedenen Firmen eingeladen, sich über die Ausbildungsmöglichkeiten direkt vor Ort zu informieren. Der regionale Verkehrsverbund KVV hat sogar eigens eine Straßenbahn eingesetzt, um die jungen Interessierten in die Werkstätten zu bringen. Das und vieles mehr kam bei den Schüler*innen gut an. „Die Berufsorientierung hilft uns, in welche Richtung wir schauen wollen. Mehr in die Chemie oder in Technik oder eher woandershin?“, bilanzierte ein Schüler. Auch eine 10.-Klässlerin äußerte sich ähnlich: „Die Woche bietet uns verschiedene Blickrichtungen. Ich war beispielsweise im Zoo und könnte mir nun vorstellen, als Tierpflegerin zu arbeiten.“

Großes Interesse der Unternehmen

Auch die Rückmeldungen der Unternehmen und Organisationen, die sich beteiligt haben, sind durchweg positiv. Die Woche sei sehr gut strukturiert und ­organisiert, vor allem die Aufteilung in kleine Lerngruppen wird von den Zuständigen als sehr positiv empfunden. Alle Personen, die in diesem Jahr teilgenommen haben, beabsichtigen auch im nächsten Jahr wieder zu kommen. Kerstin Ueberle berichtete sogar davon, dass mittlerweile Firmen und ­Betriebe von sich aus auf die Schule zukommen, um an der Woche teilnehmen zu können. So kann es sich die Schule sogar erlauben, einen großen Lebensmittelkonzern nicht mehr einzuladen. Dieser hat nun schon zum zweiten Mal in Folge kurzfristig abgesagt und hat nicht wie abgesprochen mit einem Info- Bus teilgenommen.

Ein Kommentar von Stefan Bauer

Die Vorbereitungsarbeiten für eine Berufsorientierung mit so vielen Angeboten sind für die betreuenden Lehrkräfte immens. Kerstin Ueberle, eine der drei zuständigen Lehrkräfte an der W-v-S, schätzt den Gesamtaufwand übers Jahr verteilt auf mindestens vier Wochen zusätzliche Arbeitszeit neben dem eigentlichen Deputat. Die Orientierungswoche fand nun zum dritten Mal statt und hat sich sehr gut etabliert. Die Vorbereitung beginnt immer ein Jahr im Voraus, jeweils nach den Pfingstferien steht der Plan, was den Schüler*innen angeboten werden kann.

Die Lehrkräfte erhalten hierfür keine Entlastung oder Ermäßigung, sondern machen dies im Wesentlichen „ihren“ Schüler*innen zuliebe. Sie würden sich natürlich Möglichkeiten der zusätzlichen Honorierung dieser für alle Seiten gewinnbringenden beruflichen Orientierung wünschen.

Die Betriebe erhoffen sich durch die Vorstellung ihrer Tätigkeiten neue Auszubildende. Inwieweit sich dies tatsächlich in mehr Bewerbungen umschlägt, lässt sich zwar nur schwer beziffern, aber vereinzelt sind Bewerber*innen dabei, die konkret auf die vergangenen Orientierungswochen Bezug nehmen. „Im letzten Jahr sind mehrere Praktika entstanden“, weiß Ueberle.

Ein Lehrer aus der Carl-Engler-Schule kam ebenfalls und informierte die Schüler*innen, welche schulischen Möglichkeiten es an beruflichen Schulen gibt. „Wobei wir eher für einen Ausbildungsplatz werben. Weiter auf die Schule zu gehen, ist für viele Schüler*innen nur der einfachere Weg. Und viele glauben auch, ein höherer Schulabschluss biete bessere Arbeitsmöglichkeiten“, sagt Kerstin Ueberle. Es habe sich die letzten Jahre viel verändert. Wer einen Platz finden wolle, finde auch einen.

Was von der Woche übrig bleibt

Nach der Woche hört die Unterstützung der Schule auch nicht auf. „Wir geben laufend Hilfen für Telefonate oder für Einstiege in Bewerbungen. Schüler*innen von uns bekommen schneller ein Vorstellungsgespräch“, ist sich die Lehrerin sicher. Über die Kontakte, die durch die Zusammenarbeit mit den Firmen entstanden sind, können Lehrkräfte auch jederzeit unkompliziert nachfragen und sich für die Schüler*innen stark machen. Um die Schüler*innen selbst stark zu machen, gehöre im gewöhnlichen Schulalltag nicht nur der übliche Schulstoff dazu. Gutes Benehmen und Höflichkeit seien genauso wichtig, lässt Ueberle wissen. Es sei ein großer Gewinn, dass Schüler*innen während der Berufsorientierung Rückmeldung von anderen und nicht nur von den Lehrkräften erhielten. Ein Lob von außen stärke ihr Selbstbewusstsein sehr, und „die Schüler*innen erkennen, was wichtig ist, in der Schule zu lernen“.

Selbst die Lehrkräfte profitieren. Die Lehrerin berichtet: „Ich lerne selbst viel, über Firmen, wie vielfältig sie aufgestellt sind, welche Berufe sie anbieten. Ich kann auch mitverfolgen, dass sich die Einstellung der Firmen verändert und sie sich ernsthaft um die Schüler*innen bemühen.“ Welche Bewerbungsunterlagen mit der fortschreitenden Technik in Zukunft noch nötig sind, erfährt sie bei der Gelegenheit auch.

Die Resonanz bei den Betrieben und Organisationen freut natürlich auch die Schulleiterin der W-v-S, Sylvia Schäfer. Sie ist dankbar für den Einsatz der Lehrkräfte an ihrer Schule und natürlich auch den Verantwortlichen der Firmen, die hierfür Zeit und Personal investieren und somit den Jugendlichen einen tollen Einblick in die Arbeitswelt ermöglichen.

Kontakt
Maria Jeggle
Redakteurin b&w
Telefon:  0711 21030-36