GEW Baden-Württemberg
Du bist hier:

UmfrageWie digital sind die Schulen in Baden-Württemberg?

Eine Initiative aus Gewerkschaften und Verbänden hat den Stand der Digitalisierung an den Schulen im Land erhoben. Corona hat zwar für einen Entwicklungsschub gesorgt. Aktuell können jedoch nur fünf Prozent der Schulen digitalen Unterricht leisten.

27.07.2020

Während Kultusministerin Susanne Eisenmann ihre Vorstellungen der Digitalisierung via Wunschliste an die Schulen verteilt, müssen die Schulverantwortlichen vor Ort zusehen, wie sie klarkommen. Die Herausforderung: Sie sollen das, was die Politik in vielen Jahren nicht geschafft hat, binnen weniger Wochen realisieren. Doch wie digital sind die Schulen in Baden-Württemberg eigentlich? Und: Laufen die nächsten Schulschließungen, die das Coronavirus möglicherweise notwendig macht, weniger chaotisch ab?

Die Zahlenbasis zum Thema schulische Digitalisierung ist mager. Viele Daten stammen aus dem Vor-Smartphone-Zeitalter und sind damit hoffnungslos veraltet. Deshalb haben sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden‐Württemberg, der Berufsschullehrerverband (BLV) Baden‐Württemberg, der Grundschulverband Baden‐Württemberg, der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden‐Württemberg und der Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden‐Württemberg e. V. gemeinsam der Frage angenommen. Mit einer Umfrage an allen staatlichen Schulen in Baden-Württemberg hat die Initiative den aktuellen Stand der Digitalisierung erfasst. Mehr als 2.000 Schulen über alle Schularten hinweg haben sich beteiligt. Die Ergebnisse sind niederschmetternd.

300 in drei Stunden, über 1.000 binnen eines Tages, so viele Schulleitungen haben sich – mitten im Endspurt eines hochanstrengenden Corona-Schuljahres – die Zeit genommen, um über den Status quo ihrer schulischen Digitalisierung Auskunft zu geben.

Tatsächlich wurden endlich wichtige erste Schritte gemacht, um die Schulen digital voran zu bringen. Die Vereinfachung des Zugangs zu Mitteln aus dem Digitalpakt geht in die richtige Richtung. „Wir freuen uns, dass unsere Initiative hier einen positiven Impuls setzen konnte – doch Geräte alleine reichen nicht, wir brauchen auch eine zeitnahe und hochwertige Befähigung aller Beteiligten für das digitale Arbeiten an unseren Schulen“, sagt GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz.

Trotz Freude über Endgeräte für besonders Bedürftige, darf man die weitere Perspektive nicht aus den Augen lassen: Moderne Elektronik ist innerhalb weniger Jahre veraltet und muss kontinuierlich gewartet werden. „Wir brauchen eine Perspektive, wie wir einen nachhaltig guten Digital-Status der Schulen etablieren – dazu gehört, dass die Wartung der Technik vor Ort in professionelle Hände gelegt wird“, erklärt Matthias Wagner-Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen Baden-Württemberg, als Forderung der Initiative.

Fünf Prozent der Schulen können digitalen Unterricht leisten

Auch bei der Funktionalität der mittlerweile vom Kultusministerium (KM) lancierten Tools ist Luft nach oben. Threema und Moodle sind für große Teile der Schulwelt zu kompliziert und damit gerade für die Jüngsten an den Schulen ungeeignet. Die Idee von Barrierefreiheit muss bei der Digitalisierung von Schule mitgedacht werden. Dass die besonderen Anforderungen des Grundschulunterrichts bei vielen Überlegungen zur Digitalisierung nicht angemessen berücksichtigt werden, ist aus Sicht der Betroffenen ein massives Defizit. Insbesondere während der Schulschließung wurde deutlich, dass viele der aktuellen Landeslösungen nicht grundschulgerecht sind.

Die aktuellen Zahlen zur Digitalität von Schule sind ernüchternd: „Der genaue Blick auf die Schulrealität zeigt, dass selbst die angeblichen Vorreiter in diesem Thema bestenfalls Einäugige unter Blinden sind“, sagt Volker Arntz, Sprecher Netzwerk Schule im Verein für Gemeinschaftsschulen, der die Abfrage federführend vorangetrieben hat. Selbst im beruflichen Bereich stehen lediglich an einem Zehntel der befragten Schulen Endgeräte in einer 1:1-Ausstattung zur Verfügung. Unter der Annahme, dass digitalisierter Unterricht erst möglich ist, wenn sich maximal zwei Lernende ein Endgerät teilen, seien aktuell nur etwa fünf Prozent der Stichprobe von über 2.000 Schulen in der Lage, digitalen Unterricht zu leisten.

Dazu kommt die Frage der Internetperformance: Zwar verfügt ein Großteil der Schulen über eine Breitbandverbindung, aber nur 7,5 Prozent davon sind mit Hochgeschwindigkeitsinternet ausgestattet. Zudem ist in drei Vierteln der befragten Schulen die pädagogische Programmfläche zu unter 80 Prozent mit Netzzugängen via LAN/WLAN versorgt – eines von fünf Klassenzimmern dieser Schulen hat keinen Internetanschluss. Wo eine Konnektivität gegeben ist, reicht bei knapp zwei Dritteln der Befragten die Bandbreite für Unterrichtszwecke nicht aus.

Neues Verständnis von Schule für digitales Zeitalter entwickeln

Technik ist nur ein Teil von Digitalität. Die Anwender*innen müssen zunächst befähigt und dann kontinuierlich weitergeschult werden. Hier wartet die Schulwelt seit vier Monaten gespannt auf die Angebote des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL). Die Uhr tickt: Der erste Jahrgang hat unter widrigen Bedingungen seine Prüfungen zum Hauptschulabschluss, mittleren Reife und Abitur absolviert, die nächste Schülergeneration steht in den Startlöchern.

Den Austausch mit den Schulpraktiker*innen auf der Arbeitsebene wollen die Verbandsvertreter gemeinsam weiter vorantreiben. Auf Impuls der Initiative fand ein erstes Gespräch im Ministerium statt. Learning Expeditions sind dabei ebenso denkbar wie Austauschgruppen oder kollegiale Beratung, die der Idee aus der Bildungsforschung von Schulfamilien folgen. „Es gibt viel voneinander zu lernen, doch auch dieser Prozess muss professionell moderiert werden, sonst brauchen wir über Qualität nicht länger diskutieren“, sagt dazu GEW-Landeschefin Moritz.

Man muss sauber zwischen Digitalisierung und digitaler Bildung unterscheiden. Statt der Digitalisierung analogen Lernverständnisses bedarf es der Entwicklung eines neuen Verständnisses von Schule und eines schulischen Mindsets für das digitale Zeitalter. Die Bildungsforschung beschreibt dies im 4K-Modell. Wagner-Uhl erklärt es so: „Wir müssen in den Schulen eine echte Kultur der Digitalität entwickeln, die genau jene Kompetenzen fokussiert, die für die Zukunft im 21. Jahrhundert von herausragender Bedeutung sind, nämlich Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken.“

Zurück