GEW Baden-Württemberg
Sie sind hier:

Bundespräsident besucht berufliche Schulen

26.04.2018 - Michael, Futterer stellvertretender Landesvorsitzender

Leuchtturmprojekte versus triste Realität: Am 19. April besuchten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kultusministerin Susanne Eisenmann im Rahmen der „Woche der beruflichen Bildung“ verschiedene berufliche Schulen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat gemeinsam mit Kultusministerin Susanne Eisenmann am 19. April 2018 im Rahmen der „Woche der beruflichen Bildung“ verschiedene berufliche Schulen in Baden-Württemberg besucht.

Auf dem Programm standen der Besuch einer Berufsfachschule Altenpflegehilfe für Geflüchtete, einer Lernfabrik 4.0, der Bundesfachklasse Orgelbau, sowie einer KoBV-Klasse (Kooperative Bildung und Vorbereitung). Damit wird klar, worum es gehen sollte: Im Fokus standen vor allem sogenannte „Leuchtturmprojekte“ an den Beruflichen Schulen.

Nun soll an dieser Stelle überhaupt nicht bestritten werden, dass derartige Projekte sinnvoll und notwendig sind, vor allem wenn es um die Weiterentwicklung der beruflichen Schulen geht. Tatsache ist aber, dass es daneben noch eine andere Realität gibt, die deutlich trister ist. Eine nach wie vor große Herausforderung ist es, die Vielzahl an Migrant/innen in eine Berufsausbildung zu integrieren.

Die Berufsfachschule (BFS) Altenpflegehilfe für Geflüchtete ist hier sicher ein sinnvoller Ansatz – in diesem Berufsfeld werden Arbeitskräfte gesucht und die Ausbildung kann mit zusätzlicher Sprachförderung kombiniert werden. Dies kann und darf aber über Probleme an anderer Stelle nicht hinwegtäuschen: Erfreulicherweise steigt mittlerweile die Zahl der Geflüchteten in der dualen Ausbildung. Erhebungen zeigen aber, dass es bei circa 70 Prozent der Jugendlichen Defizite in den Deutsch-Kenntnissen gibt und sie deshalb dringend eine ausbildungsbegleitende Förderung in Deutsch benötigen.

Das Kultusministerium (KM) hat zwar die Möglichkeit geschaffen, Deutsch-Förderkurse einzurichten, davon sind im laufenden Schuljahr allerdings nur circa 350 wegen Lehrkräftemangels zustande gekommen. Gleichzeitig sind derzeit circa 180 Stellen an den beruflichen Schulen unbesetzt!

Neue Lehrer(stellen) braucht das Land!

Der eigentliche Skandal ist aber folgender: Von den 705 Stellen für Sprachförderung an beruflichen Schulen, die alle einen KW-Vermerk („künftig wegfallend“) zum 1. August 2018 haben, sind bislang nur 400 Stellen um ein Schuljahr verlängert worden. 305 Stellen sollen wegfallen!

Darüber hinaus muss in den Klassen auch ein entsprechender sprachsensibler Unterricht entwickelt werden, was zusätzlichen Arbeitsaufwand für die Lehrkräfte bedeutet, der durch keinerlei zeitliche Anrechnung abgegolten wird. Mit einer solchen Stellenpolitik lässt sich die Herausforderung der Integration der Geflüchteten kaum bewältigen.

Digitalisierung als „Schwarzer Peter Spiel“

Unzweifelhaft stellt auch die Digitalisierung für die beruflichen Schulen eine neue beanspruchende Aufgabenstellung dar (übrigens nicht erst seit gestern), und die Einrichtung von sogenannten „Lernfabriken“, welche die durch die Digitalisierung veränderten Produktionsstrukturen labormäßig an den beruflichen Schulen abbilden, ist für eine qualitativ hochwertige Berufsausbildung sinnvoll.

Dies darf aber nicht unberücksichtigt lassen, dass die Einrichtung und die Unterhaltung des laufenden Betriebs solcher Lernfabriken einen erheblichen zeitlichen Aufwand bedeuten. Die betroffenen Lehrkräfte müssen zum Beispiel Datenbanken einrichten und pflegen, sie sollen Musterstunden für andere Lehrkräfte entwickeln oder Fortbildungen auch für interessierte Betriebe durchführen: Es gibt keinerlei extra Anrechnungsstunden. Im Gegenteil: Das Land hat 2014 das Allgemeine Entlastungskontingent abgesenkt – für manche berufliche Schulen bedeutet dies eine Kürzung um bis zu 30 Prozent.

Digitalisierung 1.0 für die Lehrerarbeitsplätze?

Und auch ansonsten sieht der Alltag im Bereich der Digitalisierung deutlich trister aus. Das KM plant derzeit für alle Lehrkräfte ein einheitliches, sicheres dienstliches E-Mail-System einzuführen. Dieser Schritt ist zweifellos längst überfällig. Jede andere Dienststelle des Landes oder jedes private Unternehmen würde dann aber seine Beschäftigten selbstverständlich mit den notwendigen digitalen Endgeräten und Arbeitsplätzen ausstatten.

Nicht so das KM. Hier wird auf die Zuständigkeit der Schulträger verwiesen – und fortgeführt wird das seit Jahrzehnten gepflegte, muntere „Schwarze-Peter-Spiel“ zwischen Land und Schulträger. Faktisch gehen beide – unausgesprochen – davon aus, dass auch in Zukunft die Lehrkräfte ihre privaten Geräte benutzen und dies selbstverständlich auch zu Hause tun.

Schein und Wirklichkeit

Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. Sie offenbart aber vor allem eines: die deutliche Diskrepanz zwischen der ministeriellen Außendarstellung (und vielleicht auch Selbstwahrnehmung?!) und der tatsächlichen Realität der Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte und der Lernbedingungen der Schüler/innen an den Schulen. Gleichzeitig wird aber – in der Realität – immer deutlicher, dass das KM die beruflichen Schulen in den kommenden Schuljahren vor allem als Steinbruch für die völlig verfehlte Finanz- und Stellenpolitik benutzen will:

  1. 200 Abordnungen aus dem Gymnasium an die beruflichen Schulen laufen im Sommer aus. Das komplette Stellenvolumen soll zurück an die Gymnasien – fehlt also an den beruflichen Schulen.
  2. 62 Stellen werden abgebaut und in den allgemeinbildenden Bereich verlagert (42 Stellen aus „Rücknahme von Abordnungen“ und 20 Stellen aus der „gesunkenen Altersermäßigung“)
  3. 39 – vornehmlich – A 15-Stellen werden an das KM übertragen, um dort feste Stellen für Referenten zu schaffen und die Zahl der Abordnungen aus den Schulen zu reduzieren.
  4. 305 Stellen aus der Flüchtlingsbeschulung stehen zur Disposition. Wenn dies alles so verwirklicht wird, dann entspricht dies einem Verlust von circa 600 Stellen für die beruflichen Schulen.

Das KM geht zwar von einem Schüler/innenrückgang von circa 10.000 an den beruflichen Schulen und einer „demographischen Rendite“ von 340 Stellen aus. Der hier geplante Stellenabbau übersteigt diese aber erheblich. Darüber hinaus sind derartige Rechnungen immer höchst fraglich: Im laufenden Schuljahr ist die Zahl der Schüler/innen um fast 6.000 gesunken. Auf die Unterrichtsversorgung selbst hatte dies bestenfalls minimale Auswirkungen und das strukturelle Defizit besteht nach wie vor.

Langsam aber sicher wird hier die Rechnung für die Rosstäuscherei, die Finanz- und die Kultusministerin in den Haushaltsberatungen betrieben haben, präsentiert. Das KM hat für den Doppelhaushalt 2018/19 zusätzliche Bedarfe von circa 1.350 Stellen (vor allem im allgemeinbildenden Bereich) errechnet.

Stolz verkündeten Finanzministerin Edith Sitzmann und Kultusministerin Susanne Eisenmann, dass man diese Stellen auch erhalte – tatsächlich sind aber im Haushalt nur etwas mehr als 100 zusätzliche Stellen beschlossen worden (unter anderem ist auch der Verzicht auf die Streichung von 700 Stellen als zusätzliche Stellen verkauft worden). Der Rest muss jetzt durch interne Verschiebungen „erwirtschaftet“ werden und geht zu einem nicht unerheblichen Teil zu Lasten der beruflichen Schulen.

Die berufliche Bildung ist kein Selbstbedienungsladen

Ganz offensichtlich betrachtet das Land den Bildungsbereich und die Beruflichen Schulen – trotz überbordender Steuereinnahmen und schöner Sonntagsreden – vor allem als Einsparpotential! Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg lehnt Stellenstreichungen strikt ab.

Die Weiterentwicklung der „Leistungsfähigkeit und Qualität der beruflichen Bildung“ ist unvereinbar mit Stellenabbau. Deshalb müssen die Stellen an den beruflichen Schulen verbleiben und dort für die Verbesserung der Unterrichtsversorgung, der Entlastung der Kolleg/innen und für pädagogische Verbesserungen eingesetzt werden.

Zurück